Journalistische Beiträge

Ein Portrait über 

Martin Balluch 

Die Zukunft heißt „Zum Urwald Zurück“

Tierrechtsaktivist Martin Balluch über seine Vision von Natur ohne Nutzung

Die Tür des alten Bauernhauses am Hochschwab steht offen, als Martin Balluch sich blicken lässt, in Jogginghose und T-Shirt. Draußen im Garten eine Frau mit Kaffeetasse, eine Tochter streichelt eine erblindete Hündin. Die Kleinere sitzt an einem Tisch, vor ihr eine Schüssel Himbeeren. Eine Alltagszene am Rückzugsort des bekanntesten Tierrechtsaktivisten Österreichs, der sich mit seiner neuen Stiftung „Zum Urwald zurück“ einmal mehr der Natur zuwendet.

 

Seit 23 Jahren ist er Obmann des VGT– Verein gegen Tierfabriken. Aktionen, Demos, Aufdeckungen von Tierquälerei, Gespräche mit Politiker*innen, aber auch Gerichtsprozesse mit Freispruch machten ihn bekannt und umstritten.

„Es ist eine unglaubliche Bürokratisierung eingetreten, eine staatliche Kontrolle mit unzähligen Auflagen. Es war eine andere Zeit damals. Heute versucht man gezielt zu stoppen, so glaub ich.“ Kritisch sieht er geplante Gesetze, die investigative Arbeit, wie das Filmen in Ställen, verbieten sollen. Müde ist er nicht. Mit seinem naturwissenschaftlich-deontologischen Ansatz verfolgt er ein Ziel: Tiere aus der Nutzung zu befreien, und jetzt auch den Wald.

Vor 30 Jahren wollte Martin Balluch hier am Hochschwab aussteigen. Davor war er acht Jahre Assistent in Cambridge.1964 in Wien geboren, mit Doktortiteln in Physik und Philosophie, hat er die Energie, den Tierschutz voranzutreiben. „Ohne ihn wäre in Österreich nie so viel weitergegangen“, berichten ehemalige Aktivist*innen. Er selbst betont: „Es ist eine Geschichte von allen.“

Der „streitbare Balluch“, wie ihn der Standard nannte, ist auch Vater, der Marmeladenbrote für seine Kinder schmiert. Meistens sind sie bei ihm. Und er hat den 40-Stunden-Job. Ob er abends schlafen kann? „Ich kann nicht abschalten, oft arbeite ich bis 1:00 Uhr nachts.“ Burn-out sei im Tierschutz ein Risiko, weil auch Verbesserungen selten echte Erfolge seien – die Tiere bleiben eingesperrt. „Aber der Wald rettet mein Gemüt. Ich muss rausgehen in die Natur, mit den Kindern wandern.“

 

Längst ist der Wald kein stiller Ort. Martin Balluch setzt sich gegen Wintergatter ein, in denen Hirsche bis zu 9 Monaten gehalten werden, um sie anschließend für den Abschuss freizugeben. Bei der Stadt Wien konnte er Auflassungen erreichen. Ein Gespräch mit dem Bundesforst verlief anders. „Ich hab gesagt: Geh, hearst, könn ma des ned sperren. Die Antwort: Noch nicht. Es gibt noch zu viele Kunden, die Hirsche schießen wollen.“ Forstwege und Monokulturen zerstören, was er erhalten will. Ein Harvester und massive Unterschotterung sorgen innerhalb von Tagen dafür, dass die nächsten Jahrzehnte nichts wächst.

„Vorne die Zinnsoldaten. Hier die letzte Buche, dann Fichte, Fichte, Fichte.“ Es braucht Mischwälder. Im Unterschied zum österreichischen Waldbericht 2023 sieht Martin Balluch seine Hilfe für die Natur darin, sie sich größtenteils selbst zu überlassen. Ob eine Privatisierung die Lösung sei? Er sehe keine andere Möglichkeit, was von fehlendem Vertrauen zeugt. 82% der bewaldeten Fläche ist in Privatbesitz, aktuell, aufgeteilt auf wenige. Diese Teile werden größtenteils zur Forstwirtschaft genutzt.

 

Mit der Stiftung will er Wald kaufen, mit dem Stiftungsbrief sichern, dass die Natur außer Nutzung bleibt. Martin Balluch greift die Idee des rumänischen Projekts Carpathia – European Wilderness Reserve auf. Damit reiht er sich in eine immer größer werdende Community ein, wie auch der Verein BirdLife oder der Naturschutzbund, die vermehrt Flächen kaufen, um wichtige Lebensräume zu erhalten oder zu renaturieren. Martin Balluchs Anspruch: Menschen sollen Wald betreten, ohne Spuren zu hinterlassen – ohne Tourismus, Forst- oder Landwirtschaft. Gegner dieser Vision sind teilweise Bundesforste und Bauernbund. Dieses Bild bestätigen Anträge, Martin Balluch als Tierschutzrat absetzen zu wollen. Es besteht Sorge, wie sich die Arbeit in der Landwirtschaft zukünftig gestalten soll.

„Wenn jemand vor mir steht, der diese Eiseskälte in den Augen hat, das würde mich aggressiv machen,“ merkt Martin Balluch an. Damit meint er, es gibt Menschen mit denen Annäherung möglich ist, mit anderen nicht.

 

Im Winter führt er einen friedlichen Kampf gegen Schneehasen, die Obstbäume im Garten zerstören. „Magst du ihn trotzdem, den Schneehasen?“ Die Antwort kommt mit einem seltenen Lächeln: „Oh ja, ich liebe ihn.“ Schwieriger ist das Verhältnis zu den menschlichen Nachbarn aus dem Dorf. „Alle wissen, wer ich bin.“ Sein treuester Nachbar ist der hochgezogene Fichtenwald. Sein Lieblingsbaum: eine alte Tanne – ein Überbleibsel aus der Zeit vor der Rodung.

 

Die intensivste Naturerfahrung seines Lebens beschreibt er im Blog: die Begegnung mit einem Wolfsrudel in den Karpaten. Mit seinem damaligen Hund ist er ihren Spuren im Schnee gefolgt. „Ob ich eines Tages auch am Hochschwab ein Wolfsrudel heulen hören werde? Ich würde es mir und meinen Kindern wünschen.“

 

Publikationen, Preise und ein Ziel zeichnen ihn aus. Martin Balluch will im Rückzug den Fortbestand sichern. Aufhören wäre Verrat: an Kindern, Tieren, an der Natur – und sicher an sich selbst.